Finanzkrise: Quickborner leihen ihrem Bürgermeister Millionen
Es ist eine äußerst kreative Art der Geldbeschaffung: Weil Quickborn heftig unter der Wirtschaftskrise leidet, bat die Stadt ihre Bürger um Kredit. Die Einwohner waren begeistert - und überwiesen mehrere Millionen.
"Sprudelnde Quelle" bedeutet der Name Quickborn. Er passte bislang ganz gut. Die Kleinstadt nahe Hamburg konnte sich viele Jahre über Geldmangel nicht beklagen, die Gewerbesteuer floss reichlich. Etliche Millionen konnten investiert werden, um noch familienfreundlicher zu werden für die Pendler und noch attraktiver für große Unternehmen wie den Energieversorger E.on Hanse und die Commerzbank-Tochter comdirect.
Doch die fetten Jahre sind vorbei. Wie viele Kommunen spürt auch der Speckgürtel Hamburgs die Wirtschaftskrise mit voller Wucht, einst stabile Steuereinnahmen sind weggebrochen. In den kommenden Jahren werden Quickborn 1,8 Millionen Euro jährlich in der Kasse fehlen, so hat es die Verwaltung ausgerechnet. Die Verschuldung droht bis 2012 auf 41 Millionen Euro anzuwachsen.
Sparen, sparen, sparen, lautet nun die Devise von Bürgermeister Thomas Köppl. Der CDU-Mann hat eine Haushaltssperre verhängt und eine lange Sparliste geschrieben. Von den Zuschüssen für die Vereine bis zu den Bodenmatten für die neue Turnhalle kommen alle Ausgaben auf den Prüfstand. Nichts ist tabu. "Allerdings will ich die Bürger mit ins Boot holen", sagt der 44-Jährige. Und das gehe nur über ehrliche Diskussionen.
Anfang Juli lud er daher zu einer Bürgerstunde in die Realschule ein. Thema des Abends: die miese Haushaltslage. Gut 500 Quickborner interessierten sich und kamen. Köppl erklärte die Lage, bat um Ideen, wie die Stadt wieder flüssig werden könne. Es wurde gegrübelt. Man sollte die Temperatur im Freibad um drei Grad senken, sagte einer. Man könnte die Hausdächer für Solaranlagen verpachten, sagten andere. Mehr Gebühren für die Volkshochschule nehmen, lautete ein weiterer Vorschlag. Keine Weihnachtsbeleuchtung mehr aufhängen.
"Will der Köppl jetzt, dass wir ihm Geld leihen?", murmelte irgendwann jemand hinter ihr, erzählt Cornelia Dommel. Es sollte nur ein Witz sein. Aber genau das ist es, dachte sich die Wirtschaftsinformatikerin. "Wir könnten der Stadt auch Geld leihen", rief sie dem Bürgermeister zu. Was für eine Schnapsidee, dachte Köppl. Wenige Tage später hatte Quickborn frische vier Millionen Euro auf dem Konto.
"Damit hätten wir nie gerechnet", sagt der Bürgermeister in seinem Büro und nippt am Kaffee. Er trinkt ihn schwarz, Kekse gibt es nicht. Auf einem Schrank steht ein "Checkbuch für Manager", in einem Glasrahmen liegt eine antike Bibel. Seit fünf Jahren leitet Köppl die Geschäfte in Quickborn, er wirkt stolz auf seine Bürger und auch auf sich selbst, den unerwarteten Kredit wertet er als Vertrauensbeweis.
Kaum war der Vorschlag auf dem Tisch, klingelten im Rathaus die Telefone: Was würde die Stadt denn an Zinsen zahlen? Köppl und sein Team überlegten nicht lange: Für den notwendigen Bankkredit müsste man etwa 4,5 Prozent rechnen, einem Anleger würde Tagesgeld etwa zwei Prozent einbringen. "Also trafen wir uns in der Mitte", sagt Köppl.
Mindestens 5000 Euro sollte ein Bürgerdarlehen betragen, ein Jahr Laufzeit, dann zahlt die Stadt das Geld mit drei Prozent Zinsen zurück. So haben Gläubiger wie Kreditnehmer einen Zinsvorteil. Kämmerin Meike Wölfel setzte einen Serienbrief auf und entwarf den Vertrag. Eine DIN-A4-Seite, nur Name, Anschrift und Summe mussten die Bürger einsetzen.
"Alles ging ganz schnell und unbürokratisch", sagt der frischgebackene Gläubiger Hans-Ulrich Plaschke. Genau 5000 Euro hat der Werbefachmann seiner Stadt gepumpt, seine Frau überwies die gleiche Summe. "Von mir aus hätte es auch ein oder zwei Prozent geben können, völlig egal", sagt Plaschke. "Es war eine ungewöhnliche und gute Idee, um der Stadt aus der Klemme zu helfen." Und da Quickborn derzeit für mehr als 20 Millionen Euro die Schulen sanieren oder gleich neu bauen lässt, gaben die Bürger ihr Geld der klammen Kommune gleich noch mal so gern.
Insgesamt 800 Interessierte fragten im Rathaus an, 80 überwiesen. "Wir hätten noch viel mehr einnehmen können", sagt Kämmerin Wölfel, "doch das hätte den zulässigen Kreditrahmen gesprengt." Ein Geldgeber sagte sogar eine Million Euro zu, allerdings lebt er nicht in Quickborn. Der gute Zinssatz lockte auch Anleger aus dem Umland.
Für alle Beteiligten scheint der Deal also nur von Vorteil zu sein. Doch Finanzfachleute sind kritisch. Was sich zunächst schlau anhöre, sei eine unsichere Sache. Zinsprognosen abzugeben falle sogar Banken schwer, schnell könne ein vermeintlich günstiger Kredit schon wieder teuer sein, sagt Rainer Kersten vom Bund der Steuerzahler Schleswig-Holstein. Zudem sei das Verwalten von Bürgerkrediten nicht wirtschaftlich, da es sehr viel Arbeit verursache.
Hamburg machte die Erfahrung schon vor 25 Jahren: Beim ersten Hafenausbau brauchte die Stadt dringend Geld und nahm ebenfalls Kredite von Bürgern entgegen. Wegen des enormen Verwaltungsaufwands aber blieb das erste auch das einzige Mal. "Wie will ein Rathaus so etwas auch leisten?" fragt Kersten und warnt: "Ein Bürgermeister sollte nicht glauben, dass er der bessere Banker ist."
Der Bundesverband Deutscher Volks- und Raiffeisenbanken sieht derweil bereits die Quickborner Unternehmen leiden, da den Banken am Ort nun das Geld der Bürger für Kredite fehle. Lächerlich, findet Bürgermeister Köppl, er wolle doch nicht der Finanzbranche Konkurrenz machen. "Bei der Größenordnung hier, das ist Klöterkram, da ist weder der Kreditplatz Deutschland in Gefahr, noch steht jetzt der Zusammenbruch der nächsten Bank bevor."
Die Bankenaufsicht BaFin hat der kreativen Geldbeschaffung nun ohnehin ein Ende gemacht. Das Kreditgeschäft sei genehmigungspflichtig, heißt es in Bonn - wenn Bürgermeister Köppl also noch mehr Geld einsammeln wolle, müsse er entsprechende Anträge stellen.
In den diversen Bankfilialen an der frisch sanierten Quickborner Bahnhofstraße ist man trotzdem jetzt schon verschnupft. "Wenn ich Geld brauche, dann frage ich erstmal jemanden, der sich auskennt", sagt Peter Jaster, Prokurist der VR Bank Pinneberg. Außerdem hätte die Stadt an einen günstigeren Kredit kommen können. Kämmerin Wölfel dagegen beteuert, dass die Geldinstitute im Juli mehr als drei Prozent Zinsen verlangt hätten. Runtergegangen seien sie erst, als die Bürger ruckzuck ein paar Millionen an die Stadt überwiesen hatten.
Bürgermeister Klöppl findet aber: "Die Zinsen sind nicht der Punkt." Die Quickborner gaben freiwillig, warum also hätte die Verwaltung das Engagement der Bürger ablehnen sollen? Es gehe darum, die Bürger in die Politik einzubeziehen. "Wenn man Geld anlegt, dann interessiert man sich auch mehr für das, was in der Stadt passiert", bestätigt Ideengeberin Cornelia Dommel, die selbst 5000 Euro Kredit gegeben hat.
Dass sie nicht nur Lokalpatriotismus gezeigt, sondern auch die Banken ausgespielt haben, halten viele Quickborner für einen netten Nebeneffekt. "Es ist richtig, dass die was vor den Bug kriegen, schließlich haben sie genug verbockt", sagt Hans-Ulrich Plaschke. Er hoffe nun auf "weitere kreative Finanzierungsideen" aus dem Quickborner Rathaus.
Tim Taler meint:
Das ist doch eigentlich eine tolle Story. Der Bürgermeister von Quickborn, Thomas Köppl, geht auf einen Vorschlag seiner Bürger ein und beschafft auf diese Weise dringend benötigtes Kapital. Der Grund für diese Aktion ist das Verhalten der Banken: sie verweigern die Kreditvergabe zu normalen Konditionen. Und nun kommt es: die Banken drohen mit Gesetzen und Paragrafen der Stadt und verlangen die sofortige Unterlassung solcher Beschaffungsaktionen. Die Quickborner sind ganz schön gestraft, dass sie mit solchen Banken leben müssen.


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