Konjunkturanalyse: Deutschland taumelt aus der Krise
Plus beim Export und den Industrieaufträgen - trotzdem mehr Insolvenzen und Furcht vor Job-Kahlschlag. Selten waren Konjunkturdaten so widersprüchlich. Ökonomen analysieren auf SPIEGEL ONLINE den Zustand der deutschen Wirtschaft: Ist das Schlimmste überstanden, welche Rückschläge kommen noch?
Gute Nachrichten aus der deutschen Wirtschaft kommen in diesen Tagen in Serie. Die Talfahrt sei gestoppt, eine Trendwende zu verzeichnen, ein Hoffnungsschimmer zu erkennen, das Ende der Rezession gar in Sicht - das ist der Tenor. Optimistisch wie lange nicht mehr werden derzeit die ersten positiven Konjunkturdaten verkündet, zuletzt die Meldung, dass die Exporte im Juni so stark gestiegen sind wie seit drei Jahren nicht mehr.
Tatsächlich mehren sich die Anzeichen für eine Erholung der deutschen Wirtschaft. Am Donnerstag hatte die Industrie einen deutlichen Anstieg ihrer Aufträge gemeldet. Nach den vielen Absturzmeldungen der vergangenen Monate machte daraufhin der Bundeswirtschaftsminister schon Hoffnung auf ein Ende der Rezession: Er erwarte für den Rest des Jahres gesundes Wachstum, sagte Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). "Vor allem das anhaltende Plus bei den Bestellungen spricht dafür, dass die deutschen Unternehmen auch in der zweiten Jahreshälfte ihre Produktion weiter steigern können." Und das Ende des Abschwungs sei nicht bloß Zukunftsmusik, schon im zweiten Quartal habe die deutsche Wirtschaft "ihr Niveau behauptet".
Und doch gibt es auch Meldungen, die nicht recht zum Jubel passen wollen. So meldete das Statistische Bundesamt am Freitag, dass die Rezession die Zahl der Firmenpleiten sprunghaft hat steigen lassen. Im Mai wurden von den Amtsgerichten 2663 Unternehmensinsolvenzen gemeldet - 14,9 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Und das wird so weitergehen: "Die große Insolvenzwelle beginnt gerade", sagte Siegfried Beck, Chef des Insolvenzverwalter-Verbands. Eine Erholung sei noch nicht in Sicht.
Und auch auf dem Arbeitsmarkt deutet derzeit wenig auf Erholung hin - im Gegenteil. Laut Bundesagentur für Arbeit steht das Schlimmste noch bevor. Mehr Entlassungen drohen im Herbst, weil viele Betriebe auch nach dem Ende der Kurzarbeit immer noch zu wenige Aufträge haben. Das beunruhigt die Beschäftigten. Und den Einzelhandel, der einen trüben Herbst erwartet.
Tim Taler meint:
Minister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat ja schließlich jetzt auch seinen Wahlkampf-Optimismus zu vermitteln. Dann sind solche Töne natürlich besonders kritisch zu beurteilen. Auf der anderen Seite hat der Glaube schon Berge versetzt, und wir brauchen auch nach wie vor eine positive Stimmung im Lande.
Wir werden die Krise sicherlich überstehen. Um es ein bisschen leichter zu ertragend, helfen uns auch solche Nachrichten.


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